Das Phänomen „RX“

Das Phänomen „RX“ und warum 2+2 nicht 5 ist!!!

Alle CrossFitter kennen diesen Moment: wir blicken auf das Whiteboard und überlegen während wir auf das WoD (Workout of the Day) gucken, kann ich das heute „RX“ machen???

Aber was bedeutet es eigentlich, ein WoD „RX“ zu machen? Wie wichtig ist es wirklich und ab wann macht es überhaupt Sinn? „RX“ ist im englischen das Kürzel für „as prescribed“, was übersetzt bedeutet „vorschriftsmäßig / wie vorgeschrieben“. Ursprünglich wurde es im medizinischen Bereich für die Einnahme von Medikamenten benutzt. Im Crossfit wird damit die Ausführung eines WoD beschrieben, nämlich ob es „wie auf dem Whiteboard vorgeschrieben“ ausgeführt wurde. Hört sich doch erstmal ganz einfach an. Einfach alle Übungen in der angegebenen Reihenfolge, Wiederholungszahl und dem vorgeschriebenen Gewicht machen, und Zack „RX“ gemacht.

Leider ist es in der Realität nicht ganz sooooooo einfach. Schauen wir uns das an einem bekannten CrossFit WoD mal etwas genauer an. Als Beispiel dient uns das Benchmark WoD „KAREN“.

KAREN

150 Wall Ball Shots for time

  • men use a 20-lb. ball (9 KG) to a 10-ft. target (305 cm)
  • women use a 14lb ball (6 KG) to a 9-ft. target  (275 cm)

Um dieses WoD “RX” zu machen, muss „Mann“ also 150x einen 9 KG schweren Ball an ein 305 cm hohes Ziel werfen. Die auf den ersten Blick leicht zu erkennenden Aspekte für eine „RX“ Ausführung des WoD sind also:

  • 150x [Symbol] Wiederholungen
  • 9KG[Symbol] Gewicht
  • 305cm[Symbol] Höhe / EntfernungAber ist das schon alles? Wie sieht es aus mit der Bewegungsqualität und dem Score, also der Zeit in der man das WoD beendet hat? Sind diese Aspekte für ein “RX“ auch wichtig? Ein TimeCap (max. Zeit in der das WoD abgeschlossen werden muss) ist doch gar nicht angegeben?
Pat Sherwood ist im CrossFit Seminar Staff, sowie Headcoach von CrossFit Linchpin und trotz seiner 15 Jahren Erfahrung skaliert er immer wieder seine Workouts.

Diese sind für das „RX“ genauso wichtig, wie Gewicht und Wiederholungszahl!!! Denn erreiche ich beim Wall Ball nicht die vorgeschriebene Tiefe in der Kniebeuge (hips descend lower than knees / below parallel), ist es das gleiche als ob ich den Ball nur 180cm hoch werfe, es zählt nicht als Wiederholung (NO REP!). Lässt es also meine Beweglichkeit oder Kraft nicht zu, einen 9KG schweren Medball mit guter (richtiger) Bewegungsausführung wiederholt an ein 305cm hohes Target zu werfen, dann muss ich dieses WoD halt skalieren (z.B. einen 6KG schweren Ball nehmen)!!!  Das gleiche gilt, wenn ich es zwar schaffen kann, aber 20 Minuten für die Beendigung des WoD brauche. Auch wenn „kein“ TimeCap angegeben ist! Denn jedes Workout verfolgt ein gewisses Ziel, es soll ein bestimmter Reiz für den Organismus gesetzt werden, der ein gezieltes Energiesystem anspricht. Dadurch wird man in einem speziellen Leistungsbereich stärker, schneller und besser. Schaffe ich es aber nicht den angedachten Reiz zu setzen, weil ich die anvisierte Zeit von max. 12 – 15 Minuten für dieses WoD überschreite (was ja nur geht indem das Verhältnis von Belastung zu Pause in Richtung Pause verschoben wird), habe ich am Ziel vorbei trainiert. Auch wenn CrossFit per Definition ein „constantly varied“ (konstant variierendes) Trainingsprogramm ist, sind die WoD´s und Belastungen nicht zufällig, jede Box verfolgt ein geplantes Programming, um seine Athleten besser zu machen. Trainiere ich am gewünschten Ziel vorbei, entwickle ich mich also langsamer als möglich und nicht wie vom Coach geplant.  Also kein falscher Ehrgeiz oder wie es so schön heißt „leave your ego at the door!!!“

 

 

Zusammengefasst:

  • Sei ehrlich zu dir selbst was deine Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer und Bewegungskontrolle angeht und passe jedes Training an dein Level an. Denn nur so entwickelst du dich am besten (und vor allem ohne Überlastungen und Verletzungen). Richtiges skalieren fördert also deine Entwicklung schneller als auf Teufel komm raus alles „RX“ machen zu wollen!

(Und ganz nebenbei geht jedem Coach die Hutschnur hoch, wenn er Sätze hört wie „Hab nur die Hälfte der Wiederholungen geschafft, ABER WAR JA AUCH RX.“)

Und was war das am Anfang mit „2+2 ist nicht 5″? Hier hätten wir ein anderes Problemchen, was auch wieder mit dem EGO zusammenhängt. Wenn das WoD 150 Wall Ball Shots vorsieht, dann reicht es eben nicht 132, 143 oder auch 149 Wiederholungen zu machen und dann seine Zeit ganz stolz ans Whiteboard zu schreiben. Und ich rede hier jetzt nicht davon, dass man sich einfach verzählt hat. Wir können uns alle nicht davon freisprechen, bei harter körperlicher Anstrengung in einem WoD mal den Überblick über die Wiederholungen zu verlieren. Nennen wir die Sache doch einfach beim Namen, ich Rede vom „CHEATEN“.

Leider kommt es hin und wieder vor, dass Leute nicht ganz ehrlich zu sich und zu den anderen sind, was ihre Leistung angeht. Sie zählen einfach Wiederholungen mit, die keine waren (z.B. beim Wall Ball Shot die Höhe nicht erreicht oder die Wand gar nicht getroffen) oder machen direkt in jeder 15er Runde nur 11 Wiederholungen, aber zählen 15. Das ist GIFT für die Community!!! Denn eins ist ganz sicher, dein Coach merkt es wenn du cheatest und genauso merken es deine Mittrainierenden!!!

Am whiteboard hört man dann Sätze wie:

  • Hier steht XY hat eine Runde mehr geschafft als du, warst du nicht die ganze Zeit schneller? Ja war ich, XY hat wieder kreativ gezählt!
  • Im Ernst? XY steht im Whiteboard über mir? Da muss aber mal jemand dringend zählen lernen!

Wenn es also das Ziel sein sollte, andere durch den falschen Score zu beeindrucken, kann man ganz klar sagen, hier lässt sich keiner lange hinters Licht führen. Und ehrlich gesagt interessiert es auch keinen wirklich. Am Ende betrügt man sich nur selbst und verliert den Überblick über seine eigene Entwicklung. Denn woher soll man wissen ob man sich verbessert hat, wenn man gar nicht weiß wie der Score beim letzten Mal wirklich war?

Warum also cheaten wenn:

  • Es sowieso alle merken
  • Man sich schlechter entwickelt
  • Die Community (und die sollte uns allen wirklich wichtig sein!) darunter leidet

Einfach mal drüber nachdenken. Also stay strong & stay true,

Euer Coach Tobi